Wir sind nicht von Natur aus Spaziergänger, aber wir sind auf der Welt, um Spaziergänger zu werden. Um Bäume mit winterbeständigem Laub zu berühren. Um wildwachsenden Rosmarin und Thymian zwischen den Fingern zu zerreiben und daran zu riechen. Sand durch die Finger gleiten zu lassen. Das Fell von Hunden zu streicheln, die nicht zum kläffen bestimmt sind, geschweige denn zum Beissen. Jeden Tag einen neuen Weg zum Aufenthaltsraum zu nehmen. Sich sonnenwarme Walderdbeeren auf der Zunge zergehen zu lassen, den Kiefernharz zu riechen. Und wenn der Mensch sich nicht dafür interessiert, dann hat er seinen Beruf als Mensch verfehlt. Dann hat es keinen Sinn, mit ihm über alle möglichen und unmöglichen Dinge zu reden.
(auch diese Weisheit ist von Spaziergänger Zbinden)
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Spaziergängerin
Sunday, August 15th, 2010Auf hoher See
Thursday, August 12th, 2010Ich frage: “Und Sie selber? Spazieren Sie?”
“Nein, nein, ich habe so viel zu tun.”
Ich kannte viele Leute, die sagten mit Recht:”Ich bin tüchtig. Ich bin erschöpft.” Mit Inbrunst griffen sie nach Ehrenämtern und Unternehmungen, erwiesen ihre Leidensfähigkeit, ohne den Blick nach links oder rechts zu wenden, hetzten mit Import- und Exportziffern zu Sitzungen und Tagungen in die entlegensten Siedlungen, keuchend wie Wesen, die gebären. Und dann ging’s ans Sterben, und sie entdeckten: Sie hatten die Fahrt übers Meer im Schiffsbauch zugebracht. Keinen sternenüberdachten Ozean gesehen, keine Küsten, von Molen und stinkenden Häfen umkränzt, keine unwirtlichen Eilande, rauchende Vulkane. Keine Möwen schreien gehört. Kein verkrustetes Salz von den Planken gekratzt. Nie einem Ertrinkenden einen Rettungsring zugeworfen. Sie wussten nicht, worüber sie zürnten, und wussten nicht, und wussten nicht, wie sie sich hätten beruhigen können. Schauerlich. Bei Lebzeiten begraben. Aber man muss nicht so leben.
Spazieren führt an Deck des Schiffes.
(… und wieder eine Weisheit von Zbinden)
Kunst des Spazierens
Wednesday, August 11th, 2010Spazieren ist die älteste Methode geistiger und körperlicher Entfaltung. Adam und Eva sind aus dem Paradies spaziert. Sokrates schlenderte auf einer frisch eingeweihten Straße auf der Suche nach kraushaarigen Jünglingen, denen er einen Tritt versetzen konnte. Jesus und der Teufel spazierten in der Wüste und fachsimpelten angeregt miteinander.
Wissen Sie, was Spazieren heißt? Spazieren heisst: Aneignung der Welt. Den Zufall preisen.
Wie man sich vor einem Spaziergang fühlt, steht oft im umgekehrten Verhältnis zu dem, was der Spaziergang bringen wird. Je schlechter man sich fühlt, desto wundervoller der Spaziergang.
Ohne Übung bleiben die meisten Menschen zweit oder drittklassige Spaziergänger, …, Spaziergänger, die die Sensationen, die ihnen widerfahren, nicht bemerken.
(mehr Spaziergangsweisheiten gibt es bei Spaziergänger Zbinden)
Ernesto
Friday, May 14th, 2010Eines Tages kam [Ernesto] zufällig vor das Portal einer Kirche, wo sich auf erhobenen Sockel eine in Stein gemeißelte Frauenfigur befindet. … Er betrachtete sie und schien sich nicht mehr von ihr trennen zu können, so sehr gefiel sie ihm.
“Dieses Antlitz”, sprach er, “ist ebenso hold wie ernsthaft, ebenso achtungsgebietend wie anziehend. Schade, dass es nicht lebt; aber lebt es denn nicht? Doch das tut es.” Es schien, er habe nun seine Geliebte gefunden, und in der Tat stellte er sich von da an täglich um dieselbe Stunde vor dem Idealbild ein, Gespräche mit ihm führend, als könnte es reden, und gäbe ihm Antwort. “Was ich an dir schön finde”, sagte er, indes er so nah wie möglich vor sie hinstand, die ihm begreiflicherweise keine Achtung schenkte, “ist die ruhende Beständigkeit. Stets bist du dieselbe. Von welcher anderen Frau, so liebenswürdig sie sein mag, läßt sich dies sagen? Blick ich dich an, so hab’ ich nie den unangenehmen Eindruck, ich sei dir lästig, du lässt dir mein Forschen mit großartiger Gelassenheit gefallen. Wie sind dein Gewand und deine Körperhaltung edel. Ich liebe dich in jeder Beziehung, obschon ich eigentlich den loben sollte, der dich schuf, aber dein Anblick lässt mich vergessen, dass du ein Kunstgegenstand bist; es ist mir, als kenntest du mich und sähest mich gern. Verzeih die Aufdringlichkeit dem Liebebedürftigen.”
(aus: Robert Walser: Ernesto – mehr in: Feuer, Suhrkamp 2003)
Unterwegs im Ruhrgebiet (12)
Tuesday, May 11th, 2010Die größte begehbare Camera Obscura der Welt steht in Mülheim an der Ruhr.
Loch. Wir bohren ein Loch in unseren Fensterladen, wie das bereits vor mehr als vierhundert Jahren der berühmte Leonardo da Vinci tat. Wenn nun der Lichtstrahl durch dieses Loch auf die Wand fällt, dann sehen wir dort ein deutlich verkleinertes Bild der Häuser und Bäume. Das sind Tatsachen, die durch kein auch noch so geschicktes Hinwegsehen aus der Welt zu schaffen sind.
(Ror Wolf in Tranchirers letzte Gedanken …)
Traurige Geschäftsschilder
Tuesday, February 23rd, 2010Ein anderer kam ihm nach und erzählte folgendes: Wenn er durch die Straßen gehe – und noch aufregender sei es aber, wenn man mit der Elektrischen fährt -, zähle er schon seit Jahren an den großen lateinischen Buchstaben der Geschäftsschilder die Balken (A bestehe zum Beispiel aus dreien, M aus vieren) und dividiere ihre Zahl durch die Anzahl der Buchstaben. Bisher sei das durchschnittliche Ergebnis zweieinhalb gewesen; ersichtlich sei dies aber keineswegs unverbrüchlich und könne sich mit jeder neuen Straße ändern: so wird man von großer Sorge bei Abweichungen, von großer Freude beim Zutreffen erfüllt, was den läuternden Wirkungen ähnle, die man der Tragödie zuschreibt. Wenn man hingegen die Buchstaben selbst zähle, so sei, …, die Teilbarkeit durch drei ein großer Glücksfall, weshalb die meisten Aufschriften geradezu ein Gefühl der Nichtbefriedigung hinterlassen, das man deutlich bemerkt, bis auf jene, die aus Massenbuchstaben, das heißt aus solchen mit vier Balken, bestehn, zum Beispiel WEM, die unter allen Umständen ganz besonders glücklich machen. Was folge daraus, fragte der Besucher. Nichts anderes, als daß das Ministerium für Volksgesundheit eine Verordnung herausgeben müsse, die bei Firmenbezeichnungen die Wahl von vierbalkigen Buchstabenfolgen begünstige und die Verwendung einbalkiger wie O, S, I, C möglichst unterdrücke, denn sie machten durch ihre Unergiebigkeit traurig!
Robert Musil in: Mann ohne Eigenschaften
Aufforderung
Sunday, January 31st, 2010Während ich mich nun über dies alles lustig machte, entwich mir unversehens ein so grausamer Leibesdunst, dass wir beide, ich und der Sekretär, darüber erschraken. Augenblicklich meldete er sich sowohl in unseren Nasen als auch in der ganzen Schreibstube so kräftig an wie einer, den man vorher nicht hat klopfen hören. “Troll dich, du Sau”, sagte der Sekretär zu mir, “zu den anderen Säuen in den Stall. Das passt besser zu dir, du ungehobelter Klotz, als dich mit ehrbaren Leuten zu unterhalten.” … So habe ich mein gutes Ansehen … wie die Redensart lautet, auf einen Schlag vergeigt.
(aus: von Grimmelshausen Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch
aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts übersetzt von Reinhard Kaiser)
Schneedecke
Tuesday, January 26th, 2010Auf den Plätzen gaben uns fröstelnde Statuen Fragen auf, die wir nicht zu beantworten wußten.
(Mircea Cartarescu in Nostalgia)
Winter in Berlin
Friday, January 8th, 2010Winter. Die Gefahr des Erfrierens rückt plötzlich in die Nähe des Möglichen. Wir sehen, wie jeder versucht, seine Oberfläche zu verkleinern; jeder ballt die Hände und zieht sie über der Brust zusammen. Frösteln und Zittern wirkt nach dem oben Gesagten steigernd auf die allgemeine Wärmeproduktion, das weiß jeder, und darum erfriert auch nicht jeder; die Todesfälle im Winter beziehen sich in der Mehrzahl auf mangelhaft bekleidete Betrunkene und abgezehrte Personen.
Diese Weisheit habe ich aus meinem Lieblingsnachschlagewerk: Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt. Und diesmal ist Winter der Fall.
Bei Schöffling und Co. erscheint RWW, die Ror Wolf Gesamtausgabe.















