Posts Tagged ‘Lyrik’

Winter in Pankow

Sonntag, Februar 5th, 2012

kalt

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über den Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

(Georg Trakl)

Aufbauhelferin

Im Bürgerpark

Schwierige Tage

Mittwoch, Januar 11th, 2012

Schadensorge

Schwierige Tage

Tage aushalten, die schwierig sind.
Man hat nichts vor,
Nichts geschieht, nichts beginnt.
Man tut dies oder das,
Kann es genausogut lassen.
Im Nichtstun sich üben.
Gedrückte Stimmung,
Fischen im Trüben.
Schwer zu fassen.

Sitzen und lesen
Bis die Lider sinken.
Man legt sich kurz nieder.
Betätigt sich sportlich,
Um frisch geduscht wieder
Einen frischen Kaffee zu trinken.
Fasten und meditieren.
Schwierige Tage. Aushalten.
Einfach, weil sie sind.

(Jürgen Berlin)

Live like a poet

Montag, Dezember 12th, 2011

Lampe Unter den Linden

By this time, [Max] Jacob had initiated his walking discipline: in rambles throughout the city, he forced himself, in each interval between lamp posts, to come up with a new image or poetic idea or “relationship to a subject, whether a person, an object, a poster, a billboard, a postcard.” If no idea appeared, he halted at the lamp post until something occurred to him and he jotted it down (sometimes on telegraph blanks filched from a post office). These exercises contributed to the concentrated form of the poems.
(more)

Forever young

Dienstag, Dezember 6th, 2011

Maske
Keith Haring, 1987

Forever young

Vertraue auf dein Bauchgefühl,
Schätz den Verstand nicht so hoch ein.
Denk niemals, das sei infantil,
gar egozentrisch, kann nicht sein.
Sei Pilger auf den Jacobswegen,
Flieg durch die Luft wie Peter Pan,
Versuch die Alchemie zu pflegen,
Bleib offen und mach keinen Plan,
Folg Träumen, fremd und unbekannt,
Sei die Alice im Wunderland.

Wenn Schatten dies in Frage stellt,
Verscheuche die Erinnerung,
Bleib dort, wo du dich hingesellt,
Werd niemals alt, bleib ewig jung.

(Jürgen Berlin)

Herbst

Montag, Oktober 24th, 2011

Nebel

Spätherbst

Ergriffen beim Lesen von einem Gedicht:
„Auf einmal war es schon das Leben“,
Grübelnd, was war denn von Gewicht,
Und was wird es wohl noch geben?

Spätherbst, Ende sechste Dekade,
Goldener Oktober schon zerronnen,
November, verregnet, grau und fade,
Der Winter könnte noch kommen.

Erschrecken! Schmerzen in der Brust,
Blutdruck so hoch wie nie.
Was wird aus Lebensfreude, Lust?
Bleib doch, bitte, irgendwie.

Die Liebe blühte doch stets wieder,
In jedem Jahrzehnt, und immer
Hatten die Tage neue Lieder.
Noch zweimal, einmal, nimmer?

(Jürgen Berlin)

Warten mit Baudelaire auf die U-Bahn

Dienstag, Oktober 4th, 2011

Poesie U-Bahn

Eine der bedeutendsten Neuerungen Baudelaires in den Fleurs (Die Blumen des Bösen) ist die, wenn auch sparsame, Integration der Welt der Großstadt in die Lyrik – einer als insgesamt eher abstoßend und düster vorgestellten Welt, was allerdings durchaus der Realität im übervölkerten, explosionsartig wachsenden und schmutzigen Paris der Zeit entsprach.

Müßiggang

Montag, September 26th, 2011

Schwermut

Müßiggang

Kein Wecker schrillt am Morgen,
Kein Zeitdruck mahnt zur Eile.
Ich habe höchstens Luxus-Sorgen
Und oft ein bisschen Langeweile.

Gesundheit, also toi toi toi,
Ich bin lebendig und vital.
Worüber ich mich wirklich freu.
Und jogge heute wieder mal.

Und lasse mir das Frühstück schmecken,
Geh von der Sonne gewärmt spazieren.
Seh Eichhornpärchen, die sich necken,
Werde später mit meiner Liebsten telefonieren.

Nachmittags lese ich ein Buch,
Kann dabei leicht in Schlummer sinken.
Und abends geh ich auf Besuch,
Oder vielleicht auch einen trinken.

Man möchte solchen Wandel begrüßen
Und gut gelaunt gelassen genießen,
Jedoch gelingt dies nur zum Schein.
Denn Müßiggang, der alte Affe, stellt mir so manches mal ein Bein.
Vielleicht weil ich nichts Eignes schaffe.

(Jürgen Berlin)

Nach dem Regen

Dienstag, August 9th, 2011

Nach dem Regen

Trost

Blasen schlugen aus den Pfützen,
Das Pflaster spiegelt, glänzt.
Versteckt aus Büschen und Ritzen
Zwitschern die Vögel längst.
Autos pflügen gelegentlich
Muster in die dampfende Nässe,
Hinterlassen kurz ihre Spur.
Am Fenster schau ich in die Blässe
Des Himmels und fühle nur:
Der warme Regen tröstet mich.

(Jürgen Berlin)

Fass mich nicht an!

Mittwoch, Juli 27th, 2011

Reinbeck6

Beziehungsgedicht

Ach Scheiße, mein Weib liebt mich nicht.
Und lieb ich sie, ich weiß nicht recht,
Schreib wieder ein Beziehungsgedicht,
Natürlich wieder ungerecht.
Zu Wasser geht es, bis es bricht,
Mal ist’s mehr gut, mal ist’s mehr schlecht.
Doch wohin neigt sich das Gewicht,
Zum Teifel mit dem Ganzen, echt.
Ach Scheiße, mein Weib liebt mich nicht.

(Jürgen Berlin)

Schreiben

Sonntag, Juli 24th, 2011

Kalligraphie

Schreiben

Schreiben ist einfach ideal
Und bringt ganz hübsch Gewinn.
Ist unverdächtig, keinesfalls banal,
Verdeckt, daß Selbstbespiegelung der Sinn.

Schreibe von Demut, von Narzissen,
Von Tugend und von Sünden-Babel,
Von Liebeslust und anderen Genüssen,
Das Ziel ist eh der eigene Nabel.

Auch Rechthaben und Besserwissen,
Belehren zu allen Stunden.
Und nichts davon verantworten müssen,
Klugscheißern und Bevormunden.

Worte können verletzen, vernichten
Oder trösten, ein ums andere mal.
Wer wollte denn darauf verzichten,
Schreiben ist einfach ideal.

(Jürgen Berlin)