{"id":278,"date":"2008-12-03T18:06:32","date_gmt":"2008-12-03T17:06:32","guid":{"rendered":"http:\/\/mitue.de\/?p=278"},"modified":"2008-12-04T07:42:27","modified_gmt":"2008-12-04T06:42:27","slug":"warum-bist-du-der-fliege-feind-o-kellner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mitue.de\/?p=278","title":{"rendered":"Warum bist du der Fliege Feind, o Kellner?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Spaziergang<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_Roth\">Joseph Roth<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berliner_B%C3%B6rsen-Courier\">Berliner B\u00f6rsen-Courier<\/a>, 24.05.1921 (Auszug)<\/p>\n<blockquote><p>Was ich sehe, ist der l\u00e4cherlich unscheinbare Zug im Antlitz der Stra\u00dfe und des Tages. Ein Pferd, das mit gesenktem Kopf in den gef\u00fcllten Hafersack sieht, vor eine Droschke gespannt ist und nicht wei\u00df, da\u00df Pferde urspr\u00fcnglich ohne Droschken zur Welt gekommen sind; ein Kind am Stra\u00dfenrande, das mit Murmeln spielt und dem zweckm\u00e4\u00dfigen Wirrwarr der Erwachsenen zusieht und, vom Trieb zur Nutzlosigkeit erf\u00fcllt, nicht ahnt, da\u00df es die Vollkommenheit der Sch\u00f6pfung bereits darstellt, sondern sich im Gegenteil nach Erwachsensein sehnt; einen Schutzmann, der sich einbildet, absoluter Ruhepunkt im Wirrsal des Geschehens zu sein und die S\u00e4ule irgendeiner ordnenden Macht. Feind der Stra\u00dfe und hierhergestellt, um sie zu bewachen und den schuldigen Tribut an Ordnungssinn von ihr einzukassieren. Ein M\u00e4dchen sehe ich im Rahmen eines offenen Fensters, Bestandteil der Mauer und voll Sehnsucht nach Befreiung aus der Umklammerung der Wand, die ihre Welt ist. Einen Mann, der, tief in die Schatten eines winkelreichen Platzes gedr\u00fcckt, Papierschnitzel sammelt und Zigarettenstummel. Eine Litfa\u00dfs\u00e4ule an der Spitze der Stra\u00dfe, Motto dieser Stra\u00dfe, mit einem kleinen Wind-Gesinnungsf\u00e4hnchen an der Spitze. Einen dicken Herrn mit Zigarre und im hellen Sakko, der aussieht wie der verk\u00f6rperte Fettfleck eines Sommertags. Eine Cafeterrasse mit bunten Damen bepflanzt, die warten, bis sie gepfl\u00fcckt werden. Kellner in wei\u00dfen Gew\u00e4ndern, Portiers in blauen, Zeitungsverk\u00e4ufer, ein Hotel, einen Liftboy, einen Neger.<\/p><\/blockquote>\n<p><a title=\"Wo by mitue, on Flickr\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/mitue\/3078157672\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3224\/3078157672_2d4941e73f.jpg\" border=\"0\" alt=\"Wo\" width=\"500\" height=\"333\" \/><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.joseph-roth-diele.de\/home.php\">Joseph-Roth-Diele <\/a><\/p>\n<blockquote><p>Was ich sehe, ist der alte Mann mit der d\u00fcnnen Fisteltrompete aus Blech am Kurf\u00fcrstendamm. Ein Bett dessen Tragik auf ihren Besitzer deshalb so aufmerksam macht, weil sie unh\u00f6rbar ist. Manchmal ist die Fisteltrompete, die kleine Trompete aus wei\u00dfem Blech, st\u00e4rker, wirkungsvoller als der ganze Kurf\u00fcrstendamm. Und die Handbewegung eines Kellners auf der Cafeterrasse, der eine Fliege totschlagen will, ist inhaltsreicher als die Schicksale aller Cafeterrasseng\u00e4ste. Es gelang der Fliege zu entkommen, und der Kellner ist entt\u00e4uscht. Warum bist du der Fliege feind, o Kellner? Ein Invalide, der eine Nagelfeile gefunden hat. Jemand, eine Dame, hat die Nagelfeile verloren, an der Stelle, wo der Invalide sitzt. Nun beginnt der Bettler, seine N\u00e4gel zu feilen. Mit diesem Zufall, der ihm eine Nagelfeile in die Hand gespielt hat, und durch diese geringf\u00fcgige Handlung des Nagelfeilens hat er symbolisch tausend soziale Stufen \u00fcbersprungen. Ein Hund, der einem fliegenden Kinderball nachhetzt und vor dem leblos liegenden Gegenstand haltmacht und nicht begreifen kann, wie so ein dummes hirnloses Gummiding lebendig und witzig h\u00fcpfen kann, ist ein Held eines Augenblicksdramas. Nur die Kleinigkeiten des Lebens sind wichtig.<br \/>\nWas k\u00fcmmert mich, den Spazierg\u00e4nger, der die Diagonale eines sp\u00e4ten Fr\u00fchlingstages durchmarschiert, die gro\u00dfe Trag\u00f6die der Weltgeschichte, die in den Leitartikeln der Bl\u00e4tter niedergelegt ist? Und nicht einmal das Schicksal eines Menschen, der ein Held sein k\u00f6nnte einer Trag\u00f6die, der sein Weib verloren hat oder eine Erbschaft angetreten oder seine Frau betr\u00fcgt oder \u00fcberhaupt mit irgend etwas Pathetischem in Zusammenhang steht. Jedes Pathos ist im Angesicht der mikroskopischen Ereignisse verfehlt, zwecklos verpufft. Das Diminutiv der Teile ist eindrucksvoller als die Monumentalit\u00e4t des Ganzen. Ich habe keinen Sinn mehr f\u00fcr die weite, allumfassende Armbewegung des Weltb\u00fchnenhelden. Ich bin ein Spazierg\u00e4nger.<br \/>\n(aus: Joseph Roth in Berlin <em>Ein Lesebuch f\u00fcr Spazierg\u00e4nger<\/em>, Hrsg. Michael Bienert)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spaziergang Joseph Roth, Berliner B\u00f6rsen-Courier, 24.05.1921 (Auszug) Was ich sehe, ist der l\u00e4cherlich unscheinbare Zug im Antlitz der Stra\u00dfe und des Tages. 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