Jahreswechsel in Apulien (2)

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»Also, Jungs, zuerst einmal gehen wir essen. Und dann ziehen wir um die Häuser und zeigen dem Mann aus Chicago, wie Bari sich in den letzten Jahren verändert hat. Und dass wir anderen Städten in nichts nachstehen.«
(Gianrico Carofiglio in „Eine Nacht in Bari“)

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Unser Apartment ist eine Art Panikraum innerhalb des Wohnblocks. Es gibt keine Fenster zur Straße. Im Klo und im Schlafzimmer ist jeweils ein (vergittertes) Fenster zum Hausflur. Die Fenster sind von außen nur mit einer Leiter zu erreichen. Die Eingangstür zum Apartment ist aus Metall. Zwei normale Türen führen auf einen kleinen Balkon mit Blick auf einen chaotischen Hof. Überall hängt Wäsche. Die Wäsche ist abgedeckt mit riesigen Planen. Die Balkontüren sind mit eisernen Gittertüren, die zusätzlich aufgeschlossen werden müssen, gesichert. Wir fühlen uns sicher und hoffen, dass wir, immer wenn wir Kunstspaziergänge unternehmen wollen, die passenden Schlüssel finden.

Treppenhaus

Balkonblick nach oben

Eigentlich wollten wir Orecchiette essen, aber das gab es in der kleinen Bar Frederico II nicht. Mit einer Pizza kann man auch in Bari nichts falsch machen. Zuvor haben wir noch bei den Straßenhändlern vorbeigeschaut. Die Händler verkaufen frische Austern, weich geklopfte Tintenfische, Seeigel, Miesmuscheln und Meeresnüsse. Alles wird roh und mit viel Zitronensaft angeboten. Noch haben wir uns nicht getraut. Hier gibt es viele Fischgeschäfte. Zwei Behälter mit ausgelösten Muscheln haben wir in unser Apartment getragen. Heute abend müssen wir uns eine Zubereitungsart einfallen lassen.

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Wir wohnen in der Neustadt, ein Viertel, das unter Vorgabe strenger Regeln gebaut wurde, die Straßen sind entweder parallel oder schneiden sich in einem rechten Winkel. Der Abstand zwischen je zwei parallelen Straßen ist überall nahezu gleich. Es entstehen quadratische Wohnquartiere. Eine ähnliche Bauweise habe ich bisher nur in Mannheim gesehen. Das Viertel heißt Borgo murattino nach Joachim Murat, einem Schwiegersohn von Napoleon, der diesen Stadtteil 1813 per Dekret begründete.

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Heute sieht man am Ende der Straßen nicht mehr das Meer, denn seit 1891 haben sich neue Stadtteile rings um das ursprüngliche Rechteck gebildet; noch dazu behindert der Verkehr die Aussicht, und darüber hinaus die Atmung. Aber nachts, sonntagnachmittags oder an manchen Feiertagen, wenn kein Verkehr ist und die Straßen leer sind, hat man noch heute ein Gefühl für die Geradlinigkeit vorhersehbarer Strecken und die überschaubaren Abzweigungen, von denen der französische Schriftsteller spricht. Paradoxerweise hat man gerade in diesen Momenten oft das unheimliche, schwindelerregende Gefühl, sich auf instabilen Fluchtlinien zu befinden, die ins Unbekannte führen.
(Gianrico Carofiglio in „Eine Nacht in Bari“)

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Es bleibt nachzutragen, dass es die Muscheln am Abend in einem Weißweinsud gab.

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