Immer am Bücherregal entlang (7)

In Tucholskys Pyrenäenbuch lese ich zum Cirque de Gavarnie:

Ein Wagen nach dem andern befördert die Menschenpakete an den Cirque de Gavarnie. Die Straße lärmt und rattert den ganzen Tag, die Restaurants sind überfüllt, es gibt dumme Andenken zu kaufen, und das Ganze erinnert ein bißchen an die Sächsische Schweiz. Die Leute auch: geschwätziges, naturkneipendes Kleinbürgertum.
In Gavarnie hört die Straße auf, da macht der Weg eine Biegung, und nun liegt der Stolz der Pyrenäen vor seinem Publikum. Die Felswände stehen im gigantischen Halbkreis, oben liegt etwas Schnee, und das Ganze ist schön anzusehen. Aber nicht mehr – und warum so ein Geschrei daraus gemacht wird, weiß ich nicht. Wenn man näher tritt – das dauert eine Stunde, wie täuschen doch die Entfernungen im Gebirge und auf der See! —, dann wird der Zirkus nicht etwa großartiger: man hat da zwar einen hohen Wasserfall, aber weil die Vergleichsmaßstäbe fehlen, überwältigt er nicht. Brav und mit vorgeschriebner Begeisterung wandeln die Lourdes-Sachsen die klassische Strecke.
Ein Gutes aber hat Gavarnie doch gehabt. Ein französischer Zeichner schöpfte sich hier sein Pseudonym: Gavarni, Daumiers Zeitgenosse, Hunderte amüsanter Mode- und Theaterzeichnungen sind noch von ihm erhalten. Er schrieb sich ohne e – bei mir hatten Gavarnie und Gavarni bisher immer in zwei verschiednen Schubladen gelegen, so wie ja kein vernünftiger Mensch bei Goethes Faust an eine geballte Hand denkt.

Hippolyte Sulpice Guillaume Chevalier, genannt Paul Gavarni, ist der Freund der Brüder Edmond und Jules de Goncourt. In ihrem „Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben“ wissen die Brüder viel über Gavarni zu berichten. Sie haben auch eine Biografie „Gavarni. Der Mensch und das Werk“ in zwei Bänden geschrieben.

Hier einige Bilder vom Cirque de Gavarnie (Pyrenäen-Studiosus-Wanderurlaub, 2004):

2004070408

2004070414

2004070415

2004070409

Tags: ,

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.