Archive for the ‘JWD’ Category

Jahreswechsel in Apulien (4)

Sonntag, Januar 17th, 2016

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Domenico Modugno ist der berühmte Sohn der Stadt Polignano a Mare. An der Uferpromenade gibt es ein überlebensgroßes Bronzedenkmal des Schlagersängers, Entertainers und Komponisten. Der große Domenico steht mit ausgebreiteten Armen da und schmettert ein Lied, bestimmt sein bekanntes „Voltare“. Kennt doch jeder, sogar ich.

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Jeder kleine Italiener, möchte mit diesem Domenico fotografiert werden. Es macht Spaß, eine Weile zuzuschauen, wenn sich Damen und Herren aller Altersklassen mit ausgebreiteteten Armen vor das Denkmal stellen und das Maul aufreißen. Schwierig wird es für Selfiemaker. Man setzt sich auf den Denkmalsockel, bereitet das Smartphone vor – Selbstauslöser! – klemmt den Stick unter Zeitnot zwischen die Knie, reißt die Arme auseinander und wundert sich mit offenem Schlagermund, wie der Stick nicht zu halten ist und kurz vor dem Pflasterfall den blauen Himmel fotografiert.

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Jahreswechsel in Apulien (3)

Freitag, Januar 15th, 2016

Ich kenne Leute, die mögen Octopus nicht. Ich meine nicht solche, die sich selbst mit psychologischer Betreuung niemals an einen Tisch setzen würden, auf dem ein Meeresfrüchtecocktail steht, sondern eher die, die behaupten, schmeckt doch nicht, Octopus sei zäh wie Gummi. Richtig zubereitet ist Octopus ganz zart.

Höchststrafe

Wir haben heute in Bari zugesehen wie ein großer Octopus (ca. 60 cm lang) zart gemacht wird. Eigentlich braucht es nur einen kräftigen Fischer und einen steinernen Kai. Zuerst haben wir es nur gehört, das Geräusch eines klatschenden Körpers. Ein Fischer schlägt das Tier viele, viele Male kräftig auf den Steinboden, dann wird der Körper des Kraken ausdauernd mit einer Art Holzpaddel geklopft. In Bari werden die Kraken so lange geschlagen und geklopft, daß sie in eine blüten-ähnliche Form fallen.
Kleine Exemplare kommen in ein geschlossenes Behältnis und werden immer wieder bewegt. Diese Tiere können dann roh mit Zitrone gegessen werden, eine Portion Octopus geschüttelt, nicht gerührt, sozusagen.
Wir haben uns auch heute noch nicht auf eine Verkostung eingelassen.

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Die Muscheln gestern abend haben ganz ausgezeichnet geschmeckt, deshalb haben wir nicht lange gezögert und im ersten besten Fischladen (von denen es hier wirklich an jeder Ecke einen gibt) für unser Silvestermahl eingekauft, natürlich Pulpo (500 g) und Kabeljau (800 g). Orecchiette haben wir bisher im Restaurant noch nicht gesehen, deshalb haben wir uns die Nudeln selbst besorgt. Zu diesen Nudeln isst man hier Stängelkohl. In Deutschland wird er nur regional oder gelegentlich auf Marktplätzen, oder z. B. bei türkischen Gemüseläden unter dem Namen Rappa angeboten. Den haben wir auch gekauft. Der Händler erkannte in uns Touristen und zerlegte für uns einen Kohl küchenfertig, weil wir diesen Kohl in Deutschland ja nicht kennten. Die Händler sind alle sehr freundlich, obwohl wir auf italienisch kaum bis zehn zählen können. Sie lesen uns unsere kulinarischen Wünsche von den Augen ab.
Jetzt müssen wir aus den gekauften Zutaten nur noch ein Essen zaubern, das uns zufrieden in das Jahr 2016 gleiten lässt.

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Jahreswechsel in Apulien (2)

Mittwoch, Januar 13th, 2016

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»Also, Jungs, zuerst einmal gehen wir essen. Und dann ziehen wir um die Häuser und zeigen dem Mann aus Chicago, wie Bari sich in den letzten Jahren verändert hat. Und dass wir anderen Städten in nichts nachstehen.«
(Gianrico Carofiglio in „Eine Nacht in Bari“)

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Unser Apartment ist eine Art Panikraum innerhalb des Wohnblocks. Es gibt keine Fenster zur Straße. Im Klo und im Schlafzimmer ist jeweils ein (vergittertes) Fenster zum Hausflur. Die Fenster sind von außen nur mit einer Leiter zu erreichen. Die Eingangstür zum Apartment ist aus Metall. Zwei normale Türen führen auf einen kleinen Balkon mit Blick auf einen chaotischen Hof. Überall hängt Wäsche. Die Wäsche ist abgedeckt mit riesigen Planen. Die Balkontüren sind mit eisernen Gittertüren, die zusätzlich aufgeschlossen werden müssen, gesichert. Wir fühlen uns sicher und hoffen, dass wir, immer wenn wir Kunstspaziergänge unternehmen wollen, die passenden Schlüssel finden.

Treppenhaus

Balkonblick nach oben

Eigentlich wollten wir Orecchiette essen, aber das gab es in der kleinen Bar Frederico II nicht. Mit einer Pizza kann man auch in Bari nichts falsch machen. Zuvor haben wir noch bei den Straßenhändlern vorbeigeschaut. Die Händler verkaufen frische Austern, weich geklopfte Tintenfische, Seeigel, Miesmuscheln und Meeresnüsse. Alles wird roh und mit viel Zitronensaft angeboten. Noch haben wir uns nicht getraut. Hier gibt es viele Fischgeschäfte. Zwei Behälter mit ausgelösten Muscheln haben wir in unser Apartment getragen. Heute abend müssen wir uns eine Zubereitungsart einfallen lassen.

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Wir wohnen in der Neustadt, ein Viertel, das unter Vorgabe strenger Regeln gebaut wurde, die Straßen sind entweder parallel oder schneiden sich in einem rechten Winkel. Der Abstand zwischen je zwei parallelen Straßen ist überall nahezu gleich. Es entstehen quadratische Wohnquartiere. Eine ähnliche Bauweise habe ich bisher nur in Mannheim gesehen. Das Viertel heißt Borgo murattino nach Joachim Murat, einem Schwiegersohn von Napoleon, der diesen Stadtteil 1813 per Dekret begründete.

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Heute sieht man am Ende der Straßen nicht mehr das Meer, denn seit 1891 haben sich neue Stadtteile rings um das ursprüngliche Rechteck gebildet; noch dazu behindert der Verkehr die Aussicht, und darüber hinaus die Atmung. Aber nachts, sonntagnachmittags oder an manchen Feiertagen, wenn kein Verkehr ist und die Straßen leer sind, hat man noch heute ein Gefühl für die Geradlinigkeit vorhersehbarer Strecken und die überschaubaren Abzweigungen, von denen der französische Schriftsteller spricht. Paradoxerweise hat man gerade in diesen Momenten oft das unheimliche, schwindelerregende Gefühl, sich auf instabilen Fluchtlinien zu befinden, die ins Unbekannte führen.
(Gianrico Carofiglio in „Eine Nacht in Bari“)

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Es bleibt nachzutragen, dass es die Muscheln am Abend in einem Weißweinsud gab.

Jahreswechsel in Apulien (1)

Dienstag, Januar 12th, 2016

Unser einwöchiger Winterurlaub beginnt. Es ist nicht das erste Mal, dass wir über Silvester verreisen, aber diesmal geht es in eine Gegend, in der das Wetter nicht unbedingt sommerlich warm sein muss. Es wird hoffentlich nicht so schlimm werden, dass Handschuhe nötig werden. Die haben wir nämlich nicht eingepackt. Die Wetterprognose für Bari sagt Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad voraus. Ich kenne Leute, die nennen das Badewetter.

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Eingecheckt haben wir gestern abend, das Gepäck sind wir schnell losgeworden, die Sicherheitsleute hatten nichts zu meckern – wir sind ready for boarding!

Nachdem wir „Das brandneue Testament“ gesehen haben, kennen wir viele göttliche Regeln. Eben wurde Regel Nr. 5231 auf mich angewendet.
Göttliche Regel Nr. 5231:
Immer wenn jemand kurz vor Abflug auf die Toilette muss, wird durch das Reinigungspersonal der Zugang gesperrt.

Verglichen mit jedem anderen Flughafen der Welt werden die Berliner Flughäfen zu Provinzbahnhöfen. Kaum sind wir in Bari gelandet, ist unser Gepäck ausgeladen. Der Weg zum Zug nach Bari ist idiotensicher beschildert. Beim Ticketkauf unterstützt uns freundliches Servicepersonal. Wir sind begeistert.

Das Apartment ist in Ordnung. Die Vermieterin begrüßt uns in lustig dahinfließendem Italienisch. Die Worte verstehen wir nicht, uns ist die Gestik genug. Irgenwann gucken wir gar zu ungläubig, da fällt ihr ein, dass sie eine passende App zum Umgang mit den Touristen hat. Sie quatscht in ihr Smartphone, der Text wird automatisch ins Deutsche übersetzt und dann vom Telefon stotternd aufgesagt. Die Gesten haben wir besser verstanden.

Das Viertel machte nicht gerade einen interessanten Eindruck, aber zu Fuß und allein durch eine unbekannte Stadt zu streifen war gar kein übles Gefühl.
(Murakami in „Kafka am Strand“)

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Bei unserem ersten Bummel durch die Stadt suchen wir einen Supermarkt, leider ohne Erfolg. Die Dinger verstecken sich immer am Anfang unserer Aufenthalte in noch fremden Städten. Am zweiten oder dritten Tag merken wir dann, dass wir nur um die andere Ecke hätten gehen müssen.

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Kunstspaziergänge in München und Umgebung (4)

Donnerstag, September 17th, 2015

Galerie im Schlosspavillon Ismaning

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Menschenbilder von Alexandra M. Hoffmann

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Kunstspaziergänge in München und Umgebung (3)

Mittwoch, September 16th, 2015

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Septemberwochenendausflug41

Eine kurze Wanderung von Tutzing zum Buchheim-Museum oder Museum der Phantasie

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Kunstspaziergänge in München und Umgebung (2)

Dienstag, September 15th, 2015

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Septemberwochenendausflug27

Im Kallmann-Museum sehen wir eine Ausstellung zu den
Randzonen des Städtischen in der Kunst.
Da schlägt das Herz eines Randberliners aufgeregt. Und tatsächlich – auch Berliner Ränder sind zu sehen, z. B. der Teltowkanal von Hans Goetsch.

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Kunstspaziergänge in München und Umgebung (1)

Montag, September 14th, 2015

Sibil
Maria Munz-Natterer (Sibil, 1962)

Prager Kunstspaziergänge (7)

Montag, September 7th, 2015

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Der Ehrenhof der Prager Burg wurde im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts geschaffen. Er bildet den Zugang zum Areal der Prager Burg vom Westen, vom Hradschin-Platz aus, und ist von ihm durch ein monumentales Gitter mit Rustika-Tor getrennt. Hier finden die zeremoniellen Wachablösungen der Burgwache statt. Die Statuengruppen ringender Giganten, die auf den Sockeln des Eingangsportals stehen, sind Kopien von Plastiken des Bildhauers Ignaz Franz Platzer aus der Zeit um 1768.

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Prager Kunstspaziergänge (6)

Sonntag, September 6th, 2015

Der Golem ist ab dem frühen Mittelalter in Mitteleuropa die Bezeichnung für eine Figur der jüdischen Literatur und Mystik. Dabei handelt es sich um ein von Weisen mittels Buchstabenmystik aus Lehm gebildetes stummes menschenähnliches Wesen, das oft gewaltige Größe und Kraft besitzt und Aufträge ausführen kann.
(Wikipedia)

Golem

Es heißt, Rabbi Löw habe dem Golem einen Zettel am Kopf befestigt, das „Siegel der Wahrheit“. Es soll das hebräische Wort für Wahrheit, transkribiert „emeth“ enthalten haben. Entfernte man den Zettel, erstarrte der Golem: Entfernte man jedoch nur den ersten Buchstaben, blieb das Wort „meth“ übrig: „Tod“. Der Golem zerfiel dann – es war eine Art Sicherheitsabschaltung für das Monster. Fortan patrouillierte der Riese aus Lehm durch das Judenviertel und hinderte Antisemiten mit seinen unmenschlichen Kräften an Gewaltakten und auch daran, dort tote Babys abzulegen. Jeweils am heiligen Sabbat nahm Rabbi Löw den Zettel vom Kopf des Golems ab und legte ihn damit still.
(mehr hier)

Der Golem