Archive for the ‘JWD’ Category

Zwei Wochen in Lissabon (12)

Dienstag, Oktober 22nd, 2013

Eine Tasse Kaffee, eine Zigarette und meine Träume sind ein vorzüglicher Ersatz für Universum und Sterne, Arbeit, Liebe, ja selbst Schönheit und Ruhm.
(Pessoa, 251)

Lisbon 121

Auch in Lissabon ist es so, ganz gleich in welcher Art Café, Kneipe oder Restaurant man seinen Bica, den portugiesischen Espresso, bestellt, der schmeckt – ein kleines Tässchen, gefüllt mit großem Geschmack. Wenn man wieder zu Hause ist, möchte man sich mit diesem Aroma die schönsten Minuten des Urlaubs in Erinnerung rufen, aber was haben wir nicht schon alles versucht – Nutzung der besten, von KdW-Fachpersonal ausgewählten Kaffeesorten, Zubereitung mit Kaffeemaschinen der einfachen und der besonders teuren Art sowie Anwendung von ausgefallenen Brühmethoden, die von weitgereisten Verwandten, Bekannten und Kollegen begeistert empfohlen wurden – so wie im Urlaub schmeckt der Espresso nie.

Heute sind wir nach Almada übergesetzt.

Lisbon 205

Lisbon 207

Lisbon 194

Museu de arte antiga:

Lisbon 191
Hieronymus Bosch „Die Versuchungen des heiligen Antonius“

Die Versuchungen des heiligen Antonius

Zwei Wochen in Lissabon (11)

Sonntag, Oktober 20th, 2013

Dieser Regen!
(Pessoa, 141)

Lisboa 180

Saudade, dieses portugiesische Lebensgefühl, schleicht sich in unseren Urlaub. Darauf trinken wir einen Portwein.

Lisboa 188

Bei einem Abendspaziergang haben wir den Sauerkirschlikör Ginjinha an der Stehbar gekostet, in der er seit 150 Jahren ausgeschenkt wird. Es gibt in dieser Bar nichts anderes, nur Ginjinha (und den gab es – anders als hier behauptet – aus kleinen Plastebechern).

Lisbon 190

Jardim Botanico d’Ajuda – Der älteste botanische Garten Portugals, angelegt 1768

Lisboa 178

Lisboa 184

Palacio Nacional da Ajuda
Am Osteingang stehen große Statuen aus der Schule von Machado de Castro, welche die verschiedenen Tugenden repräsentieren.

Lisboa 173

Lisboa 172

Zwei Wochen in Lissabon (10)

Donnerstag, Oktober 17th, 2013

Es regnet noch und noch. Meine Seele ist nass vom Regnen-Hören.
(Pessoa, 141)

Lisbon 150

Einfach den Regen nicht beachten, es gibt genug Orte in Lissabon, die uns interessieren und wo Regen nicht stört:

Museu Nacional de Arte Contemporanea
Centro de Arte Moderna
Museu Colecça-o Berardo

Sem titulo

Und es gibt Orte in Lissabon, wo Regen und Nebel einfach dazu gehören:

Wenn auf unserer Terrasse kaum noch etwas zu sehen ist, nur ab und zu der durchdringende tiefe Ton der Nebelhörner der ausfahrenden Kreuzfahrtriesen, glaubt man am Bug der Titanic zu stehen und fängt an, nach der Rettungsweste zu suchen.
Man findet aber nur ein Glässchen Portwein und ist auch zufrieden.

Der Friedhof der Vergnügungen ist erst bei dichtem Nebel und Nieselschwaden so richtig anheimelnd. Vor allem, wenn wir dann noch von einem kleinen streunenden Köter angekläfft werden, der wahrscheinlich schon seit einigen Jahren die Gruft seines Herrchens bewacht.

Lisbon 151

Wieder näherte sich der Köter, diesmal mustert Raimundo Silva ihn argwöhnisch, wer weiß, vielleicht hat er die Tollwut, einmal, er erinnert sich nicht mehr recht wo, las er, ein Anzeichen für jenes schreckliche Übel sei der gesenkte Schwanz, und dieser da hängt recht schlaff, doch das mag von der schlechten Kost herrühren, bei dem Tier kann man ja die Rippen zählen, und ein Anzeichen, ein allerdings bestimmendes, ist auch der unheilvolle Geifer, der dem Tier von den Lefzen und Reißzähnen trieft, nun, wenn diesem Köter der Speichel rinnt, so sicherlich angeregt durch den Duft der hier entlang der Escadinhas de Sao Crispim in Vorbereitung befindlichen Garspeisen.
(Jose Saramango – Geschichte der Belagerung von Lissabon)

Lisbon 159

Lisbon 158

Wir haben es noch nicht geschafft, mit der Staßenbahn zu fahren. Ja, wir wissen, dass man eigentlich als Tourist mit diesen alten Dingern gefahren sein muss, aber das wissen nicht nur wir. Die quietschenden Dinger sind immer so voll, das müssen wir uns nicht antun. Heute, am Friedhof der Vergnügungen, glaubten wir schon, dass wir es packen könnten, denn dort ist die Endstation der Linie 28, deren Nutzung in den Reiseführern als billige Variante einer Stadtrundfahrt angepriesen wird. Eine volle Straßenbahn kommt an, alle steigen aus, denn es ist Endstation, aber die gehen nicht etwa auf den Friedhof oder zu sonstigen Zielen in der Nähe, nein, sie stellen sich wieder an, um erneut einzusteigen. Das ist Missbrauch öffentlicher Verkehrsmittel. Die Einheimischen werden die 28er Bahn sicher meiden, wenn sie es können. Ich nutze ja auch nicht den 100er Bus in Berlin.

Lisbon 167

Um die Wonnen und Schrecken der Geschwindigkeit zu empfinden, benötige ich weder Automobile noch schnelle Züge. Mir genügen eine Straßenbahnen und das erstaunliche Abstraktionsvermögen, das ich besitze und pflege.
In einer fahrenden Straßenbahn erlaubt mir meine analytische Kapazität,
die Vorstellung, die ich von der Straßenbahn und der Geschwindigkeit habe, zu trennen, ja, so gänzlich zu trennen, dass sie zu zwei verschiedenen Real-Dingen werden. Ist dies geschehen, fahre ich nicht mehr in der Straßenbahn, sondern in ihrer reinen Geschwindigkeit.

(Pessoa, 75)

Ach, übrigens war Pessoa bis 1984 auf dem Friedhof Prazeres beerdigt.

Zwei Wochen in Lissabon (9)

Dienstag, Oktober 15th, 2013

Lisbon 145

Christus macht sich rar. Nicht, dass er bisher in unserem Leben eine besondere Rolle gespielt hätte, aber seine Rolle als Wetterfrosch erfüllt er in Lissabon sehr gut.
Wenn er uns morgens vom anderen Tejo-Ufer beim Frühstück zuzwinkert, wird es ein sonnig warmer Tag. Ist er nicht zu sehen, sollten wir bei unseren Spaziergängen Regensachen dabei haben. In den letzten Tagen macht er sich rar, aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Leise hören wir ihn durch den Nebel „Always look on the bright side of live“ trällern.

Lisbon 144

Lisbon 143

Ihere is not much talk about the clouds visible up there. No one seems to think it remarkable that somewhere above an ocean we are flying past a vast white candy-floss island which would have made a perfect seat for an angel or even God himself in a painting by Piero delle Francesca. In the cabin, no one stands up to announce with requisite emphasis that, out of the window, we are flying over a cloud, a matter that would have detained Leonardo and Poussin, Claude and Constable.
(Alain de Botton – The Art of Travel)

Lisbon 146

1997 waren wir das erste Mal in Lissabon. Damals stand alles im Zeichen der kommenden EXPO 1998. Jetzt sind wir auf diesem Gelände spazieren gegangen.

Lisbon 148

Lisbon 147

Zwei Wochen in Lissabon (8)

Montag, Oktober 14th, 2013

Auch wenn man glaubt, das Fahrkarten- und Tarifsystem begriffen zu haben, gibt es weiterhin genug Fallen für den Touristen. Statt Einzelfahrscheinen gibt es hier Karten, die mit Fahrscheinen aufgeladen werden können. Das kann man an Automaten selbst erledigen oder in größeren Bahnhöfen am Schalter von zuständigen Beamten erledigen lassen. Vor Betreten der Bahnsteige muss man eine Sperre passieren. Dazu führt man seine mit einem oder mehreren Fahrscheinen aufgeladene Karte an einem Scanner vorbei, der überprüft die Gültigkeit, zieht von der Karte einen Fahrschein ab und öffnet die Schranke. Alles verstanden, wir können uns in Lissabon und Umgebung mit den Öffentlichen herum fahren lassen. Nein, noch etwas: Die Karte muss man gut aufbewahren, denn meistens hat man ja noch mehr Fahrkarten geladen, um flexibel auf eine Straßenbahn aufspringen zu können, aber noch wichtiger ist, dass man Metrostationen und Bahnhöfe nur verlassen kann, wenn man die Karte wieder an einem Scanner vorbei führt. Trotzdem wird in den Regionalzügen kontrolliert. Dabei wird die Karte an einem Scanner … na, ihr wisst schon.
In den letzten Tagen passierte Folgendes:
Ein Automat nimmt zwar das Geld an, lädt aber keine Fahrscheine auf die Karte. Pech gehabt.
Auf dem Bahnhof Rossio steht der Zug nach Sintra bereit. Da wollen wir heute hin, sind aber noch am Fahrkartenschalter. Es wird knapp werden, wir sind gerade durch die Sperre, da schließen die Türen, der Zug fährt ohne uns ab. Nun stehen wir da in unserer Unwissenheit. Können wir den Bahnhof wieder verlassen, ohne dass die eben gelöste Fahrkarte verloren ist? Zum Glück fährt der nächste Zug nach Sintra in einer halben Stunde. Warten wir eben auf dem Bahnhof und schauen uns die dortigen Azulejos-Comics an.

Lisbon 134

Lisbon 135

Als wir die Station Sintra verlassen wollen, lässt uns eine Karte im Stich. Mehrere Scanversuche führen nicht zum Bahnhofentlassungserfolg. Ich warte ab, bis ein einzelner Herr an die Sperre kommt, nehme Tuchfühlung mit ihm auf und komme mit seiner Karte und ihm erfolgreich durch die Sperre. Er hat es nicht bemerkt.

Lisbon 131

Ansonsten ist zu berichten, dass uns ein Gewitter auf Moorish Castle überrascht hat. Gehen wir eben beim nächsten Sintra-Ausflug zum Nationalpalast Pena.

Lisbon 141

Lisbon 140

Zwei Wochen in Lissabon (7)

Sonntag, Oktober 13th, 2013

Wenn man anfängt seinem Passfoto ähnlich zu sehen, sollte man Urlaub machen.
(Ephraim Kishon)

Lisbon 115

Der Wind gestern abend war nur ein Vorbote. Es hat die ganze Nacht gestürmt, geregnet und gewittert. Eben habe ich eine Regenlücke genutzt, um Schrippen zu holen. Vor drei Tagen meinte die Wettervorhersage, heute könnte Sonnenschein sein, d.h. der heutige Langzeitwetterbericht braucht nicht ernst genommen zu werden. Danach zeigen sich die nächsten Sonnenstrahlen erst wieder in einer Woche.

Lisbon 119

Um zehn Uhr haben wir bei leichtem Nieselregen das Haus verlassen, gegen 14.00 Uhr konnten wir uns zum Mittagessen ein Plätzchen in der Sonne suchen. Unseren für heute geplanten Ausflug nach Sintra haben wir verschoben. Noch haben wir einige Tage Zeit.

Lisbon 112
U-Bahnstation Sao Sebastiao

Auf dem (Um-)Weg ins Centro de Arte Moderna (CAM) begegnete uns eine Botero-Mama mit Kind.

Lisbon 110

Die Situationisten, eine Gruppe von Künstlern und Intellektuellen der 1960er Jahre, interessierten sich für das subjektive Erleben von Raum. Sie empfahlen beispielsweise die Nutzung eines falschen Stadtplans, um sich an fremden Orten zu (des-)orientieren und damit unbekannte Umgebungen intensiver zu erleben.
(aus dem Faltblatt zu Hügel und Zweifel)

Anlässlich des 30. Jahrestags der Eröffnung von CAM findet eine Überblicksschau zur portugiesischen Moderne statt (z.B. Eduardo Viana, António Dacosta, José de Almada Negeiros). Im Zentrum steht das Werk von Amadeo de Souza-Cardoso.

Abduction in a populated landscape

Zwei Wochen in Lissabon (6)

Donnerstag, Oktober 10th, 2013

Sometimes Baudelaire dreamt of going to Lisbon. It would be warm there and he would, like a lizard, gain strength from stretching himself out in the sun. It was a city of water, marble and light, conductive to thought and calm. But almost from the moment he conceived of this Portuguese fantasy, he would start to wonder if hemight not be happier in Holland.
(Alain de Botton, The Art of Travel)

Lisboa 102

Der Monsanto-Park ist 800 Hektar groß, genug für pflastermüde Stadtwanderer. Wir hatten uns eine zweistündige Route durch den Park zurechtgelegt, aber als wir nach einer Stunde Wanderzeit Ausblick auf die Brücke des 25. April hatten, hielt uns nichts mehr auf den Trimm-Dich-Pfaden zwischen Pinien und Eukalyptusbäumen. Der Tejo zog uns an.
So sind heute wieder 15 bis 20 Spaziergangskilometer zusammen gekommen. Vielleicht muss man noch zwei bis drei Museumskilometer hinzurechnen, die wir in der Sammlung von Jose Berardo zurück legten.

Lisboa 103
Lisboa 100

Die Hängebrücke des 25. April ist 2,3 km lang. Sie wurde 1966 eröffnet. Damals hieß sie noch Salazar-Brücke, die Umbennenung erfolgte nach der Nelkenrevolution zur Erinnerung an die Nelkenrevolution (25. April 1974). Die Autofahrer müssen schwindelfrei sein. Man kann durch die Fahrbahn 70 m in die Tiefe blicken.

Lisboa 106

Heute ist es nicht möglich auf unserer Terrasse Abendbrot zu essen. Es weht ein böiger Wind.

Reclining Figure: arched leg
Henry Moore

Zwei Wochen in Lissabon (4)

Dienstag, Oktober 8th, 2013

Lisboa 073

Das ist ein kleines Restaurant ganz nach unserem Geschmack. Nur wenige Tische, wir können uns direkt unter den Fernsehapparat setzen, der hier in jedem einfachen Restaurant ständig läuft. Das Kneipchen ist gut gefüllt, die Einheimischen beachten uns nur so lange bis wir uns gesetzt haben, dann haben sie wieder freien Blick auf die Ereignisse in fernen Ländern. Wir gewöhnen uns schnell daran, dass zwar alle in unsere Richtung gucken, aber trotzdem nicht an uns interessiert sind.

Eine Speisekarte gibt es natürlich nicht. Nach einigen Verständigungsversuchen gibt der Kellner auf und holt den Koch. Damit hat sich das gesamte Personal um unseren Tisch versammelt. Der Koch kann einige Brocken Englisch und als ich Cod verstehe, sage ich ja, das ist gut, zweimal Cod, faz favor. Nur beim Bier lassen wir nicht mit uns handeln, nein, wir wollen keine Minibierflaschen, wir wollen gezapftes Bier und zwar Grande. Hinter der Theke zeigt uns der Kellner ein 0,4 l Glas und wir nicken zustimmend. Die Schlitzohren füllen doch tatsächlich den Inhalt von zwei kleinen Flaschen in ein Glas und servieren frisch gezapftes Bier. Was tut man nicht alles, um die Touristen zufrieden zu stellen.

Danach kommt eine Gruppe Spanier ins Lokal. Sie sehen die großen Biergläser auf unserem Tisch und wollen auch frisch gezapftes Bier. Der Kellner braucht eine Weile, um klarzustellen, dass sie nur Flaschenbier haben. Wir verstehen nichts und verstehen doch alles. Wir werden wohl die letzten gewesen sein, die ausnahmsweise Bier aus dem Hahn erhalten haben.

Jardim Botanico

Lisboa 053

Lisboa 066

Lisboa 061

Zwei Wochen in Lissabon (3)

Montag, Oktober 7th, 2013

If our lives are dominated by a search for happiness, then perhaps few acivities reveal as much about the dynamics of this quest – in all its ardour and paradoxes – than our travels. They express, however inarticulately, an understanding of what life might be about, outside the constraints of work and the struggle for survival.
(Alain de Botton, The Art of Travel)

Diesmal haben wir das Fernglas nicht vergessen (steht ja auf der Checkliste), Morgenbeobachtungen bei Sonnenaufgang, Lissabon erwacht.

Die Tagessonne erwärmt die stillstehende Oberfläche unserer Sinne.
(Pessoa, 78)

Lisboa 004

Pessoa ist hier allgegenwärtig. Sogar über unserem Bett ist ein Ausspruch von ihm in die Wand gekratzt: „Tudo vale a pena quando a alma não é pequena“ . Ich werde schon noch herausbekommen, was das heißt.

Lisboa 038
Eben verlässt die COSTA FORTUNA mit ihren ca. 2700 Passagieren den Lissabonner Hafen in Richtung Valencia.

Die Fußsteige sind hier mit diesen kleinen quaderförmigen Steinen gepflastert wie wir sie auch auch in Königs Wusterhausen kennen, allerdings muss es eine andere Art Gestein sein. Die Steine glänzen und sind sehr glatt. Bei Nässe sicher gefährlich glatt, aber das werden wir in diesem Urlaub nicht genauer untersuchen können, denn Regen wird es nicht geben.
(Mit dieser Annahme lag ich voll daneben. Wir konnten recht oft die Rutschfestigkeit unserer Schuhe auf diesem Pflaster testen: gut gerutscht, aber nichts gebrochen.)

Angeblich kamen die Lissabonner nach dem Erdbeben 1755 auf die Idee, aus den Trümmern kleine Pflastersteine herzustellen, und Plätze und Fußwege kunstvoll zu gestalten. Von den berühmten Calceteiros, den Pflastermachern, gibt es heute nur noch knapp dreißig – mehr als zehnmal weniger als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu aufwändig und teuer ist das Anlegen von Mosaiken, die Calceteiros werden heute fast nur noch für Ausbesserungsarbeiten eingesetzt.

Lisboa 028
Heute in Cascais haben wir Luiz de Camoes wiedergesehen. Schön, Bekannte zu treffen; diesmal ist das andere Auge verletzt.

Lisboa 037

Lisboa 034

Lisboa 029

Zwei Wochen in Lissabon (2)

Sonntag, Oktober 6th, 2013

Das gehört für mich zum Urlaub dazu: jeden Morgen Schrippen holen. Die Urlaubsunterkunft wird so ausgewählt, dass Schrippenholen und Frühsport eine Urlaubseinheit bilden. Diesmal sind es 78 Stufen unterschiedlicher Höhe in einem engen Treppenhaus, also 78 runter und 78 wieder rauf. Runter hat heute schon gut geklappt, hoch muss ich noch etwas üben.

So war Lissabon. Ein Zentrum, die Baixa [NKS: da haben wir gewohnt], die sich für kosmopolitisch hielt, und ein paar mehr oder weniger außerhalb gelegene Viertel, die im Allgemeinen durch eine einzige Straße mit der Stadtmitte verbunden waren, eine Nabelschnur mit gemächlich rumpelnder Straßenbahn.
(Maria Isabel Barreno, Lissabon durch die Jahrhunderte.)

Lisboa 026

Normalerweise kümmern wir uns nicht um den öffentlichen Nahverkehr, aber wenn man zwei Wochen Zeit hat, möchte man jeden Winkel der Stadt kennen lernen. Das Tarifsystem in Lissabon ist auch für den erfahrenen Großstädter nicht trivial. Am Besten man kauft sich eine Wiwa Wiascheng (so wird es ungefähr ausgesprochen) Chipkarte für 50 Cent, diese Karte ist aufladbar und nutzbar in der Metro, in den Straßenbahnen und in den Bussen. Für die Vorortzüge und für die Fähren muss man andere Fahrkarten kaufen, die aber auch auf solchen Karten gespeichert werden. Nur mit Viva Viagem Chipkarten kann man die elektronischen Zugangssperren überwinden.
Am Ende der Reise werden wir von diesen Karten eine ganze Sammlung haben, weil wir nie die passende Karte dabei hatten, wenn wir uns entschieden, den Fußweg mit einer Fahrt im öffentlichen Verkehrsmittel abzukürzen … und uns einfach hinten auf das Trittbrett zu stellen, trauten wir uns dann doch nicht (mehr). Vor vielen Jahren in Chemnitz (und als ich aufsprang in Karl-Marx-Stadt) bei der Linie 3 nach Rottluff war das kein Problem. Man musste nur aufpassen, dass der Schaffner im anderen Waggon war.

Lisboa 021
Vorn: anstellen, einsteigen und bezahlen; Hinten: warten, aufsteigen und gut festhalten
Viva Viagem
Los geht’s ohne Viva Viagem

2600 Restaurants soll es in Lissabon geben. Wir haben Hunger und sind bei unserem Spaziergang in einer Gegend ohne Restaurants gelandet. Das ist immer so zu Urlaubsbeginn. Dann hat es doch noch geklappt und wir waren mit den selbst ausgewählten Fischen vom Grill zufrieden. Nur mit dem Bier müssen wir aufpassen, das wird doch tatsächlich, wenn man nichts sagt, in Kölsch-Gläsern serviert. Der arme Kellner, das ist ja ein einziges Hin- und Hergerenne.

Lisboa 017
Das ist Luiz de Camoes. Er verlor in einer Schlacht gegen die Mauren sein rechtes Auge.

Heute besuchten wir en passant den Palacio de São Bento. Dort ist seit 1894 der Sitz des portugiesischen Parlaments. Es muss Tag der offenen Tür gewesen sein:

Lisboa 024

Im Atrium sahen wir eine seltsame Büste. „Dieser Einäugige ist Luiz de Camoes, unser Nationaldichter“, sagte ein Parlamentsdiener. Mal sehen, ob ich nachträglich Bildungsurlaub beantragen kann, wenn ich nachweisen kann, die Lusiaden gelesen zu haben:

Hört auf denn, von den weiten Meeresfahrten
des schlauen Griechen, des trojan’schen Helden;
hört auf, vom Ruhme der erkämpften Siege
Trajans und Alexanders noch zu reden!
Denn vom erhabenen Mut der Lusitanen,
dem Mars und Neptun sich gebeugt, sing ich.

Die Lusiaden sind die Bewohner Lusitaniens, der römische Name für Portugal, der auf Lusus, einen Gefährten des Bacchus zurückgehen soll.

Lisboa 015
Blick von der Parlamentsterrasse auf die Stadt

Lisboa 019
Strength – Skulptur im Parlamentsgarten, Künstler unbekannt

Lisboa 018
Justice – Skulptur im Parlamentsgarten, Künstler unbekannt